Hallo zusammen,
auf Anregung von Henning hier ein paar Zeilen zum Thema:
Colorieren von Schwarzweisfotos
Was ist das?
Beim Colorieren wird das Schwarzweisfoto mit transparenten Farben regelrecht bemalt. Prinzipiell wurde diese Verfahrensweise vor Erfindung der Farbfotografie angewendet, um einen realitätsnäheren, farbigen Bildeindruck zu erzeugen. Hauptsächlich nutzte man dies in der Portrait- und Aktfotografie.
Erübrigt sich das Verfahren nicht durch die Farbfotografie?
Nein!. Der Farbeindruck eines colorierten S/W-Foto ist nicht identisch mit einem Farbfoto. Die transparente Farbe wird von den hellen Bildanteilen aufgenommen. Je dunkler die Bildstelle desto weniger Einfluß durch den Farbauftrag. Beispiel roter Apfel: Die Schattenseite zeigt keinen Farbverlauf von hell- nach dunkelrot, sondern das Rot vergraut zunehmend zur Schattenseite.
Interessant ist auch der Effekt bei braungetonten Fotos.
Welche kreative Möglichkeit gibt es?
a) Naheliegend ist zunächst eine möglichst wirklichkeitsgetreue Farbgebung des gesamten
Bildes. Das verleiht dem Bild einen nostalgischen Eindruck, der sehr gut bei Akt- und
Portraitaufnahmen in einem entsprechenden Umfeld zur Geltung kommt.
b) Man kann sich aber auch von einer realitätsnahen Darstellung entfernen und den
Farbeindruck pastellfarben oder umgekehrt mit kräftigeren Farben dem gewünschten
Bildcharakter anpassen.
c) Weiterhin kann man natürlich völlig von der Realität abweichende Farben einsetzen. Dies
ist besonders dann interessant, wenn der tatsächliche Farbeindruck viel zu bunt ausfällt.
Durch Colorieren kann man da eine harmonischere Farbgebung erzielen.
d) Wenn man will kann man auch mit einer vollkommen irren Farbgebung experimentieren.
Warum nicht einmal mit einer grünen Rose auf einem roten Stiel mit einem blauen Blatt
überraschen?
e) Sehr schöne Effekte kann man erzielen, wenn das Bild nur partiell gefärbt wird,
beispielsweise bei einer Aktaufnahme nur den Körper mit Fleischfarbe versieht. Auch das
lässt sich wunderbar mit einer Brauntonung kombinieren.
Welche Techniken gibt es?
Sehr aufwändig und anspruchvoll ist die Airbrush-Technik. Mit dieser Technik sind jedoch auch die eindruckvollsten Ergebnisse zu erzielen. Wer sich näher darüber informieren will, dem empfehle ich das Buch „Workshop Monochrom“. Tony Worobiec zeigt darin hervorragende Bildbeispiele und beschreibt die Technik. Ehrlich gesagt, verfüge ich nicht über die dazu nötige Geduld.
Am meisten verbreitet ist wohl der Farbauftrag von Eiweißlasurfarben oder transparenten Ölfarben mit Pinseln. Nur für Barytpapiere zu empfehlen! PE-Papiere zeigen Probleme beim Aufnehmen der Farbe. Der Farbauftrag muß sehr sorgfältig mit verdünnten Farben erfolgen und nach und nach verstärkt werden, bis die gewünschte Farbdichte erreicht ist, sonst werden homogene Farbflächen, z.B. blauer Himmel, sehr schnell fleckig. Farben gibt es z.B. bei Foto-Brenner und bei MONOCHROM in Kassel.
Ich persönlich setze die einfachste Methode ein: Spotpen Colorierungsfarben von Tetenal. Einfach ausgedrückt sind dies Filzstifte mit sehr breiter Spitze und einer Farbe, die sehr gut auch von PE-Papieren angenommen wird. Wichtig ist, die zu färbende Stellen zu benetzen und auch hier die Farbe zunächst eher dezent aufzutragen, um einen gleichmäßigen Farbauftrag zu gewährleisten. Die Farbtiefe kann durch mehrmaliges Auftragen verstärkt werden. Das Basis-Set enthält 10 Farbstifte, Benetzungsflüssigkeit und Schwämmchen, sowie einen eingeschränkt tauglichen Löschstift, falls mal etwas daneben geht. Zusätzlich gibt es Erweiterungs-Sets.
Ich bin mir nicht sicher, ob Tetenal das noch im Produktportfolio hat, auf der Internetseite hab’ ich es jedenfalls nicht entdeckt. In Ebay wird es allerdings immer wieder mal angeboten.
Last not Least: Meine ersten Gehversuche zum Thema habe ich mit Wachsmalstiften meiner Tochter gemacht. Das geht durchaus, wenn man die Sache erst mal probieren will. Auf Dauer ist es jedoch ungeeignet, da man das Foto mit einer Wachsschicht versieht, die leicht wieder abfärbt.
Was gibt es zum Schluß zu sagen?
Colorieren ist Geschmackssache. Bei einigen Motiven kann man eine sehr gute Wirkung damit erzielen, ich habe aber auch schon sehr viel Kitsch gesehen. Wenn beispielsweise blondes Haar bei einem Portrait durch Postgelb ersetzt wird, wirk das nach meiner Ansicht grauenhaft. Ähnlich wie bei manch anderen fotografischen Exoten (z.B. Fisheye-Objektiv, Weichzeichner und andere Effektfilter, usw.) sollte man sparsam damit umgehen, damit man den Effekt nicht überstrapaziert.
Wer es einmal probieren will, dem wünsche ich viel Spaß dabei.
ciao
Bernd
De gustibus non est disputandum
Zeit und Muße?
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